KURZGESCHICHTEN – SAMMLUNG – NEUES AUS DEM PRALLEN LEBEN

DAS FRAUENHAUS

Von meiner Kickerkneipe aus fährt mich Kalle mit seinem Taxi zur nächsten S-Bahnstation. der thekenbedienung konnte ich noch ein bier für den nachhauseweg abschwatzen. ich sitze dann irgendwann kurz vor 6 Uhr morgens in der S-Bahn, nippe an meinem bier und schaue mir die leute an, die allesamt grade morgens mit ihren kaffeebechern, bildzeitungen, ausdruckslosen gesichtern und müden augen auf dem weg zu ihren arbeitsstellen sind. ja, da sitze ich und trinke am frühen morgen mein letztes bier mitten in der bahn, und fühle mich ein wenig schlecht dabei, weil mich öfters auch vorwurfsvolle blicke aus müden, ausdruckslosen augen treffen. schlecht auch deshalb, weil immer die gefahr besteht, dass um diese uhrzeit kinder und jugendliche in der bahn sitzen könnten… Was bin ich denn für ein vorbild? aber ich bin frei, frei wie ein vogel, so frei, dass ich es mir einfach leisten kann, genau das zu tun, was ich möchte, und ich wollte noch ein letztes bier trinken.

irgendwann steigt eine blonde frau ein, ihre schlecht geblondeten, langen haare noch vom Regen durchnässt und sehr ungepflegt ins gesicht hängend. Sie nimmt augenkontakt auf und sucht einen sitzplatz. eine wirklich total fertige frau, die älter aussieht, als sie wahrscheinlich ist, blickt mir in die augen, denke ich, und setzt sich auf den sitz mir gegenüber. ich versuche mit ihr ins gespräch zu kommen und meine: Na, du hast wohl auch eine heftige nacht hinter dich gebracht? aber ich bin auch total fertig und ziemlich angetrunken. Auf welchen drogen stehst du denn grade, frage ich sie. ich trinke keinen alkohol und nehme auch keine drogen, ist ihre antwort und können sie mich bitte in ruhe lassen!? ich fühle mich von ihnen belästigt. ich erwidere: natürlich kann ich sie in ruhe lassen, es ist nicht mein anliegen sie zu belästigen, und wenn sie sich durch mich belästigt gefühlt haben, dann entschuldige ich mich dafür. ich verwende ihre eigene Sprache. deshalb sieze ich sie auch während ich das sagte. mir erscheint es, dass sie grade auf einem vollkommen anderen planeten ist. es ist wohl besser, dass ich mich eine reihe weiter nach vorne setze, wenn sie sich von mir belästigt fühlen, sage ich und setze mich sogar zwei sitzreihen weiter nach vorne, aber so, dass ich sie noch ein wenig im blick haben kann. ich will ihr in keinster art und weise mehr zu nahe treten. mir kommen dann gedanken in den kopf, in der art, was sie jetzt wohl grade über mich denken würde, und wie es sein kann, dass sie sich so sehr von den zwei sätzen von mir belästigt gefühlt hat. ich wollte ja nur nett sein, halt auf die art und weise, wie ich eben bin. im betrunkenen zustand kneipen- und kommunikationserprobt eben.

S-Bahnhaltestelle landwehr steige ich aus, drehe mir noch eine zigarette und stelle fest, dass sie auch ausgestiegen ist. mit leicht vorgeschobenen oberkörper und mit unsicheren schritten geht sie sofort auf andere menschen zu, die gerade auf dem weg zur arbeit sind und das erste was sie tut, ist leute anzusprechen, auch keinen höflichkeitsabstand einnehmend, sondern mit dem gesicht sehr nahe am gesicht der anderen menschen. so wie betrunkene sich häufig verhalten, wenn sie mit anderen menschen kommunizieren. entschuldigung, können sie mich zum frauenhaus bringen, das ist hier in der nähe, bitte? kein wort, dass sie verloren sei und nicht mehr dorthin finden würde.

in dem augenblick wird mir klar, dass sie hilfe braucht. ich weiß den weg zum frauenhaus, weil ich schon zigmal daran vorbeigegangen bin und mir des öfteren beim dranvorbeischlendern gesagt habe, was für wichtige und tolle einrichtungen in hamburg existieren. sorry, sage ich, ich möchte dich nicht noch einmal belästigen, aber ich wohne hier ganz in der nähe, ich kann dich zum frauenhaus bringen, ich weiß, wo das ist, das ist bei mir grade um die ecke und es macht mir auch keine mühe, dir den weg zu zeigen…

Ja das frauenhaus kennt ja jeder, die wegbeschreibungen liegen sogar am hauptbahnhof aus.

ja, aber nicht jeder wird dir jetzt den weg zeigen wollen, die menschen hier sind alle auf dem aufbruch zur arbeit, die haben keine zeit für dein problem.

sie schaut mich sehr kritisch an und mustert mich mit abstand, aber ich kann so etwas wie ein leuchten in ihren augen erkennen. komm einfach mit, sage ich. ich geh vor, du gehst mir einfach nach. kannst mir wirklich vertrauen, ich rede keinen scheiß, ich bring dich wirklich zum frauenhaus. ich gehe die treppen von der S-Bahnstation herunter und kann mit einem kurzen blick über die schulter feststellen, dass sie mir folgt, mit langsamen, unsicheren schritten und gebeugtem oberkörper, ich schätze, dass sie vielleicht grade mal 25 jahre alt ist, aber die haut sieht sehr verbraucht aus, der blick glasig, ein mensch, der schon viel durchgemacht hat und bestimmt auch schon längere zeit auf der straße gelebt hat. Auch die zusammenstellung ihrer klamotten und schuhe lassen darauf schließen, dass es sich bei ihr wahrscheinlich um einen clochard handelt. unten angelangt muss ich nach rechts abbiegen und warte kurz auf sie, um ihr zu signalisieren, welchen weg sie einzuschlagen hat. als sie neben mir steht gehen wir auf gleicher höhe weiter. sie läuft jetzt aber neben mir und scheint irgendwie doch ein gespräch zu suchen und es scheint ihr dann doch nicht vollkommen unangenehm, neben mir zu gehen.

jedes mal, wenn ich ihr zu nahe komme – ich bin ja auch ziemlich angeschlagen vom alkohol in der nacht zuvor und wanke doch ein bisschen während des gehens; brennende schuhsohlen nennt man das, glaube ich – jedes Mal, wenn ich an ihre schulter stoße, kommen irgendwelche komischen sprüche. ich bin ihr nicht zu nahe gekommen, weil ich sie anbaggern wollte, nein wirklich nicht, sondern, weil ich einfach einen sitzen habe. irgendwann meine ich zu ihr, und lege ihr die hand auf die schulter: du bist echt nicht betrunken oder stehst unter irgendwelchen anderen drogen? nein, meint sie, und sie wird echt fast laut dabei: bitte berühren sie mich nicht, ich fühle mich dabei belästigt. ich kenn das ja schon, manchen menschen sind meine berührungen unangenehm. ein kickerkollege meinte auch einmal zu mir, dass ich das doch bitte bleiben lassen solle, weil ihm das unangenehm sei. der war da auch echt stinkig, seitdem berühr ich ihn auch nur noch ganz ganz selten, wenn ich mit ihm kommuniziere und entschuldige mich auch sofort dabei. ich berühre einfach gerne menschen, mit denen ich etwas zu tun habe. wahrscheinlich hat das einfach etwas mit dem eigenen inneren bedürfnis nach nähe zu tun und vielleicht auch etwas mit reiki, bin mir da selber immer noch nicht ganz klar darüber.

auf jeden fall glühen meine hände jetzt während des schreibens und sie taten es auch vorhin, als ich sie kurz auf der schulter berührte. momentan weiß ich auch nicht wohin mit meiner energie, außer, dass ich weiß, dass ich die geschichte jetzt herunterschreiben muss… na ja. tschuldigung, sagte ich und wich zwei schritte von ihr, ich weiß, wo das frauenhaus ist und ich bring dich auch hin, ich versprech dir das und ich möchte nicht, dass du dich von mir belästigt fühlst, das ich nicht meine absicht. das gespräch ging noch ein bisschen weiter, und irgendwann war ich einfach nur angepisst und verärgert: ei, wenn du deinen abstand brauchst, dann ist das okay, ich geh wieder vor und du mir nach, aber ich bring dich immer noch dahin, okay? ich bin dann etwas schneller vorgegangen, mit einem weiteren blick über die schulter konnte ich wiederum erkennen, dass sie mir folgte, diesmal jedoch noch langsamer und gebeugter erschien es mir. fast 20 Meter war ich vorgerannt, sie folgte mir jedoch immer noch. als ich an dem kleinen weg angelangt war, den ich hätte gehen müssen, um nach hause zu kommen, wartete ich wiederum kurz auf sie und sagte: da wohn ich grade um die ecke. Und zum frauenhaus geht es jetzt einfach die straße hier weiter entlang. ihre antwort, und eigentlich hatte ich diese antwort schon fast erwartet: ja, da können wir auch zusammen hin gehen und sie bog schon nach links, um in richtung meiner wohnung zu gehen. was soll ich jetzt mit ihr in meiner wohnung anstellen, schoss es mir durch den kopf. ich hörte kurz in mich hinein, weil ich mit der ganzen situation ziemlich überfordert war, um auch herauszufinden was noch in ordnung sei, was ich antworten könnte und wie ich jetzt darauf reagieren musste. ich hätte auch sagen können: ja lass uns dahin gehen, sie wäre mir gefolgt. wahrscheinlich hätte ich auch sagen können, ja lass uns dahin gehen und lass uns poppen, in der situation, wäre sie vollkommen willenlos gewesen.

was soll denn das jetzt, schrie ich schon fast auf. vielleicht wäre sich mir auch deswegen willenlos gefolgt, weil ich die stimme erhoben hatte, und macht ausstrahlte. wirklich unattraktiv war sie auch nicht, ein ganzes gedankengewitter durchblitzte meinen kopf… – ich meinte nach einer gewissen aber kurzen phase des Überlegens: ist dir klar, was du da grade gesagt hast, ist dir das wirklich klar? ich will dich nur ins frauenhaus bringen, mehr will ich nicht, und wurde nochmals laut dabei. reiß dich jetzt bitte mal zusammen. was soll ich mit so einer aussage? die ganze zeit beschwerst du dich, dass ich dich belästigen würde und jetzt so was…

meinten sie nicht vorhin, dass sie mich nach hause bringen wollten, war ihre antwort, ganz unschuldig und sie suchte ein wenig nähe zu mir, als sie das sprach.

ich antwortete ganz spontan: ja, das hab ich gesagt, aber mein zuhause ist nicht dein zuhause. ich bring dich zum frauenhaus, zu deinem zuhause. ich weiß wo das ist, und dann trennen sich unsere wege. danach schlappte sie ganz in sich versunken weiter hinter mir her, nachdem ich wieder angefangen hatte loszulaufen und ich den richtigen weg eingeschlagen hatte.

je näher wir dem wohnheim kamen, desto größer wurden ihre forderungen, mit vollkommen überzogenen ichbezügen.[???] hilflos wirkte sie, vollkommen verloren. aber je näher wir zum wohnheim kamen, desto mehr verschwand ihre härte, desto mehr wurde sie zu einem kleinen schutzsuchenden kind. meinst du nicht, dass du den weg jetzt alleine finden wirst?

bleib bitte bei mir, bring mich bitte hin, erwiderte sie.

ist das wirklich notwendig?

komm noch bitte bis dahin mit… bitte bring mich hin. vielleicht verliere ich den weg wieder.

die ganze zeit ging sie jetzt wieder auf gleicher höhe mit mir weiter. in irgendeiner art und weise desorientiert wirkend, nähe suchend, nicht nach alkohol riechend, vielleicht auch vertrauen in mich gefasst habend. eigentlich hätte ich ihre hand fassen können und sie in meine legen können und wir hätten wie ein pärchen den weg zusammen bestreiten können, aber ich tat es nicht.

jetzt kennst du den weg, ich geh mal wieder, irgendwie spielten wir ein kleines spiel, so wie es kinder tagtäglich tun und auch erwachsene.

bring mich noch bitte zur tür, meinte sie.

wenns dann unbedingt sein muss…

ich wollte nur noch das projekt begleitung zum frauenhaus abschließen, ich war total müde, auch verärgert und wusste, dass ich unbedingt ins bett musste, weil ich nachmittags an diesem tag arbeiten musste, weil ein arbeitskollege ausgefallen war.

an der eingangstür des frauenhauses angekommen – fünf stufen waren zu bewältigen – ging sie mit sehr festem schritt sofort auf die person zu, die gerade vor der tür stand. eine etwa 45-jährige etwas mollige frau mit braunen haaren, vielleicht auch ein wenig jünger, irgendwie hatte sie etwas von einer aufpasserin und irgendwie hatte ich das gefühl, dass diese person meine begleiterin kannte.

ja sie kannte sie schon, nehme ich an, wie so viele frauen, die sie hier in dem frauenhaus schon erleben durfte, wie so viele frauen, die hilfe brauchten, wie so viele frauen, die um hilfe gebeten hatten…

sie haben ja doch was mit dem frauenhaus zu tun? [wer sagt das???]

ja, das stimmt.

ich möchte nur in mein zimmer.

ja, alles kein problem.

sie drehte sich um und rannte schon fast die fünf stufen in meine richtung und meinte: willst du nicht vielleicht mit zu mir kommen? es waren vielleicht grade mal drei meter zwischen mir und der eingangstür, die weit offen stand.

ich war vollkommen perplex, konnte nichts antworten und hatte das gefühl, dass ich meinen kopf schüttelte, vollkommen die situation nicht mehr verstehend…

geht das, dass ich meinen bekannten mit auf mein zimmer mitnehme?

genau in dieser situation schaute mich die brünette schon fast ein wenig abfällig an und ich reagierte ganz schnell darauf. ich schaute kurz in richtung der aufpasserin, und meinte: ich glaube das geht nicht und das ist auch besser so.

genau in dieser Situation ist sie sofort hinter der tür verschwunden, einfach in das frauenhaus reingeschlüpft. ganz komisch fühlte ich mich in der situation, erhob meine arme und hände wie zur entschuldigung und sagte zur brünetten Aufpasserin tut mir echt Leid, aber sie hätte es wirklich nicht alleine nach hause geschafft… gut, dass sie es geschafft hatte und gut, dass ich kein typ war, der auf den spruch: ja dann lass uns mal zu dir gehen, reagiert hatte.

hei, meine aufgabe war es, sie nach Hause zu bringen.

Markab Raath

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