Ich weiß gar nicht mehr genau, ob Ivan mich besucht hatte, oder ich ihn, auf jeden Fall wollten wir noch ein bisschen durch die Gegend ziehen. Ich wollte Kickern, er wollte damals Billard spielen.
Da ich mich auch manchmal gerne anpasse und nicht der Typ bin, der unbedingt seinen Willen zu jedem Preis durchsetzt, gelangten wir nach einer langen nächtlichen Wanderung durch Barmbek zur Yoko Ono Bar. Wie das bei mir so üblich ist, versuchte ich dort angekommen, erst einmal die Lage zu sondieren. Menschen sortierend, Energien aufnehmend, Gerüche wahrnehmend, Stimmungen inhalierend, sich einfach darin versuchend, sich ein komplexes Bild über die momentane Situation zu machen.
Da war ein junger Typ hinter der Bar und in den Ritzen des Billardtisches lagen noch etliche 50 Cent Stücke. Die Luft war rauchgeschwängert und roch nach Kiff. Eine einsame, weibliche und sehr junge Person saß auf einer Bank in der Nähe eines großen Billardtisches und hatte ihre Beine übereinandergeschlagen. Sie war brünett, hatte ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden und war übermäßig geschminkt, als ob sie älter wirken wollte. Meines Erachtens hätte sie um diese Uhrzeit auf keinen Fall mehr draußen unterwegs sein dürfen. Insgesamt sah sie ein wenig desorientiert aus, bewegte immer ihren Kopf hin und her zur spielenden Musik und schloss immer wieder im unrythmischsten Augenblick ihre Augen. Manchmal blickte sie zu mir und Ivan, mit ihr die einzigen Besucher am frühen Morgen. Ivan schien die Lokalität ein bisschen zu kennen. Höflich fragte er bei dem Barkeeper nach, ob wir noch ein bisschen Billard spielen und ob wir noch zwei Bier bestellen könnten. Eigentlich sah es danach aus, dass die Bar geschlossen werden sollte. Der Barkeeper war gerade am Aufräumen und dabei, die Stühle hoch zu stellen. Aber er war offensichtlich so abgebreitet, dass er zustimmte und uns noch zwei Bier ausschenkte. Anscheinend wollte er die Kneipe auch aus eigenem Interesse noch ein bisschen geöffnet halten. Gläser türmten sich hinter der Bar. Er schien nicht der Typ, dass er zu diesem Zeitpunkt die Gläser hätte spülen wollen. Er hatte ja auch noch drei zahlende Kunden, eigentlich nur zwei, denn das Mädchen auf der Bank war vollkommen mit sich selbst beschäftigt und in sich versunken, irgendwo anders. Gut möglich, dass auch sie vollkommen bekifft war. Ich konnte es schlecht einschätzen, da sie, während sie der Musik lauschte, immer wieder ihre Augen schloss.
Ich zog Ivan irgendwann auf die Seite und meinte: „Du weißt aber, dass hier auch um Geld gespielt wird?“ „Warum?“, war seine Antwort. Ich meinte dann nur: „Schau dir die ganzen 50 Cent Stücke unter den Banden des Billardtisches an. Das ist nicht normal in einer Bar, vor allem, wenn hier kein Geld für das Spielen verlangt wird…“ „Ich weiß“, meinte er. „Komm nicht auf die Idee das arme Mädel abzuziehen“, meinte ich. Denn Ivan ist ein sehr guter Billardspieler. „Ist alles OK“, erwiderte er.
Er wollte gegen mich spielen, aber ich wollte nicht und sagte nur, dass ich eigentlich zu betrunken sei, um gegen ihn zu spielen. „Spiel doch mit dem Barkeeper“, war meine Antwort.
Die Bedienung war auch nach kurzem Nachfragen bereit, ein Spielchen mit Ivan zu wagen. Im ersten Spiel gewann Ivan auch gleich. Um das Spiel zu beobachten, setzte ich mich dann auf die Bank neben dem Mädchen, sodass ich das Spiel besser verfolgen konnte. Als ständig rauchender Mensch, hatte ich mir natürlich schon bald eine Zigarette gedreht und zündete diese mit meinem letzten Streichholz an. Als dem sehr jungen Mädchen, ich schätzte sie auf etwa 16 Jahre, bewusst wurde, dass gerade eine Zigarette angezündet worden war, erwachte sie plötzlich aus ihrer Versunkenheit und fragte mich, ob sie sich auch eine Zigarette drehen dürfe. „Natürlich“, antwortete ich, überreichte ihr den Tabak und die Blättchen und dann war sie erst einmal mit dem Drehen ihrer Zigarette beschäftigt. Und ich mit dem Rauchen und mit dem Beobachten des Spieles. Ivan verlor diesmal und auch das nächste Spiel und er setzte sich kurz neben uns. Meine Zigarette war aufgeraucht und ich warf sie achtlos auf den Boden, wo schon etliche andere Kippen lagen. Als das Mädchen fertig war mit dem Drehen, rückte sie bedenklich nahe an mich heran, in etwa einem Meter Abstand zu Ivan und nur wenige Zentimeter Abstand zu mir. Der Barkeeper stand immer noch am Billardtisch, seinen Gewinn genießend.
Plötzlich flüsterte sie mir ins Ohr: „Hey du, für zwanzig Euro blas ich dir einen…“ ich antwortete darauf, mit einem frechen Grinsen im Gesicht: „Hey du, das ist aber billig„, noch laut genug, dass es Ivan mitbekommen konnte. „Komm mit auf Toilette“, antwortete sie. Ich war in dem Moment erst einmal ganz schön perplex, und meinte: „Das ist echt billig, aber ich würde dir auch für fünf Euro die Muschi lecken… fünf Euro natürlich für mich!“. Das Mädchen erschien daraufhin ganz schön verwirrt und schüttelte ungläubig den Kopf…
Meine Güte, das Mädel war deutlich unter 18! Ich bin dann aufgestanden, um mich der Situation zu entziehen und ging zu dem immer noch am Billardtisch wartenden Barkeeper und fragte, ob wir vielleicht noch ein Spiel spielen könnten. Natürlich hatte er Lust darauf. Ich machte den Eröffnungsstoß, konzentrierte mich auf das Spiel und war aber immer noch sehr verwundert über das unmoralische Angebot der Kleinen. Trotzdem konnte ich mich soweit konzentrieren, dass mir das Spiel leicht fiel, ich war gut dabei, und gar nicht schlecht. Der Barkeeper verlor gegen mich in relativ kurzer Zeit.
Die ganze Zeit über war ich hochkonzentriert am Billardspielen, Ivan saß neben der Kleinen und natürlich wollte sie Feuer für die nun lange vorbereitete Zigarette, die sie von meinem Tabak gedreht hatte. Ivan hatte immer ein Feuerzeug dabei.
Irgendwann hörte ich ein Geräusch und nahm wahr, dass irgendetwas durch die Luft flog und scheppernd auf dem Fliesenboden landete und kurz danach knallte es laut, als ob etwas explodiert war und ich bekam mit, dass das Mädchen wutentbrannt und fluchend auf die Toilette rannte. Anscheinend hatte sie sich auf der Toilette eingesperrt.
Irgendwann kurz nach dem Vorfall verließen wir die Kneipe, weil wir noch ein bisschen über die Reeperbahn ziehen wollten. Ich nahm Ivan beiseite und meinte: „Das ist doch nicht wirklich alles passiert?“ „Das Mädel war maximal 16 und wollte mir einen blasen und sich prostituieren.“
„Hast du das mitbekommen?“, fragte ich ihn. „Wieso ist das Mädchen so wutentbrannt weggerannt?“, fragte ich weiter. „Es geht noch besser…“, meinte er.
Die Kleine hatte natürlich bei Ivan für die gedrehte Zigarette nach Feuer gefragt. Ivan überreichte ihr sein Feuerzeug, damit sie sich die Zigarette selbst anzünden konnte. Leider versagte das Feuerzeug seinen Dienst. Sie schaffte es also nicht, ihre Zigarette anzuzünden. Enttäuscht drehte sie sich um, drehte sich noch einmal um und warf Ivan das Feuerzeug mit all ihrer Kraft in Richtung Kopf. Er fing das Feuerzeug jedoch aus der Luft mit einer Hand, und bot ihr nochmals Feuer an. Diesmal versuchte er jedoch, ihr höflich das Feuer zu reichen. Diesmal funktionierte das Feuerzeug.
Plötzlich, aus einem inneren Affekt heraus, riss sie ihm das Feuerzeug aus der Hand und warf es mit aller Wucht auf den Boden, wobei das Feuerzeug explodierte. Vollkommen wütend und verstört rannte sie weg und schloss sich wohl für den Rest der Nacht auf der Toilette ein und ließ sich auch so lange Ivan und ich in der Kneipe waren, nicht mehr blicken.
